Palliative Chemotherapie.

Respekt, Würde, Recht.

Als palliative Chemotherapie bezeichnet man eine medizinische Behandlung, die nicht das Ziel hat zu heilen, sondern die Linderung der Symptome und eine Verlängerung der Lebensphase bewirken soll. Patienten, die eine palliative Chemotherapie erhalten, wissen erschreckend häufig nicht, dass es keine Heilungschancen mehr gibt.

Es wird geschätzt, dass fast jeder zweite Krebspatient mit Metastasen innerhalb der letzten vier Lebenswochen eine Chemotherapie erhält. Das Ergebnis: die Patienten, die eine palliative Chemotherapie erhalten, leben nicht länger als Patienten ohne diese Behandlung. Dies ist das Ergebnis einer Studie aus den USA, die Daten von 386 Patienten auswertete (Wright AA, BMJ 2014).

Schließlich starben wesentlich mehr Patienten mit Chemotherapie während des Aufenthaltes auf einer Intensivstation (11 versus 2 Prozent, ohne Chemotherapie) und weniger zu Hause (47 versus 66 Prozent). Insgesamt ging es den behandelten Patienten laut dieser Studie am Ende ihres Lebens deutlich schlechter als den Patienten ohne Chemotherapie. In der letzten Lebenswoche waren bei viel mehr Patienten mit einer Chemotherapie Reanimationsmaßnahmen, Beatmungen oder beides erforderlich (14 versus 2 Prozent). Außerdem erhöhte die Chemotherapie die Wahrscheinlichkeit, dass die Patienten auf der Intensivstation und nicht in der von ihnen bevorzugten, familiären Umgebung sterben.

Auch die letzte prospektive Studie (Prigerson HG, JAMA Oncology online 2015) bestätigt, dass die palliative Chemotherapie bei Krebspatienten mit Metastasen das Leben nicht verlängert. Auch in dieser Studie verschlechterte sich die Lebensqualität dieser Patientengruppe in der letzten Lebenswoche signifikant gegenüber der Patientengruppe, die keine palliative Chemotherapie erhalten hatte.

Dass eine Chemotherapie am Ende des Lebens eher schaden als nutzen kann, sollte uns Ärzte nachdenklich machen. Der alte hippokratische Grundsatz der Medizin primumnon nocere (zuerst nicht schaden), als Tradition des moralisch geförderten ärztlichen Handelns, gilt dann nicht mehr?

Der Wert dieser Arbeit hat große Bedeutung, weil die Autoren die gängige Praxis anklagen, Krebspatienten im Finalstadium routinemäßig Chemotherapie anzubieten. Deshalb ist es jetzt notwendig, dass die Ärzte bei der Aufklärung vor einer palliativen Chemotherapie die Prognose und Folgen der Therapie unmissverständlich klarmachen und sicher sind, dass der Patient alles verstanden hat.

Vielleicht lässt sich die Situation verbessern, wenn sich alle Beteiligten stärker als bisher an der Charta der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e.V., des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes und der Bundesärztekammer orientieren, in der es heißt:

"Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen. Er muss darauf vertrauen können, dass er in seiner letzten Lebensphase mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Werten respektiert wird und dass Entscheidungen unter Achtung seines Willens getroffen werden.”